Reiter-Kurier Februar 2019

holt Claudia Münch immer wieder. ?Das Pferd soll später auf kaum sichtbare Im- pulse auf den Menschen reagieren und die einzelnen Übungen willig, präzise und gelassen durchführen.? Sitzen die Grundlagen, gibt es ein sehr großes Repertoire an Übungen: Sei- tengänge, die Arbeit im Trab und im Ga- lopp, sowie das Training am langen Seil. Auch Zirkuslektionen, Stangen- und Ge- schicklichkeitstraining gehören zur Bodenarbeit. Die Königsdiszi- plin ist die Freiarbeit, in der man das Pferd ohne Seil und nur mit Körpersprache und Stimmkommandos lenkt, antreibt und bremst. Die FN bleibt am Ball. Das Abzeichen Bodenarbeit war erst der Anfang. Claudia Münch wird die Bodenar- beit für die Reiter- liche Vereinigung im März auf der Equitana in Essen präsentieren und weiterhin in Vollzeit Seminare für Pferdebesitzer und Lehr- gänge für Trainer geben. Die Teilnehmer sind durch die Bank begeistert ? vom Nicht-Reiter bis hin zum skeptischen Turniersportler. So erzählte ihr ein S-Dressurreiter, dass sein Pferd viel mo- tivierter im Viereck mitarbeite, seit er zweimal die Woche mit ihm Bodenarbeit mache. Ein anderer meinte, die Erkennt- nis, in der Bodenarbeit nicht nach unten zu schauen, habe er in den Sattel über- tragen und seine reiterlichen Fähigkei- ten enorm verbessern können. Aussagen wie diese spornen Claudia Münchs Idea- lismus an. Multiplikatoren erreichen ist ihr Ziel: In Reitschulen ist Bodenarbeit noch nicht Standard. Kinder werden oft auf gesattelte Pferde gehoben, haben aber keine Ahnung, wie sie ihr Pferd vom Putz- und Reitplatz führen. ?Es verändert sich was?, ist Claudia Münch sicher. ?Den Pferdebesitzern geht es darum, ihre Pfer- de zu verstehen und möglichst lange ge- sund zu erhalten. Und es geht dabei nicht mehr nur ums Reiten.? ?Die Hilfen schrittweise minimieren.? Dr. Claudia Münch, Bodenarbeitstrainerin Timing ist alles: Das Kurzzeitgedächtnis des Pferdes ist im Vergleich zu dem des Menschen sehr kurz. Lob oder Tadel muss also sofort er- folgen ? nicht erst Sekunden später. Lob, das geht mit Worten oder Streicheln. Leckerli sind kein Muss. Schlecken bedeutet übrigens soviel wie ?ich habe verstanden?. Bodenarbeit Judith Schmidhuber schwört auf getrocknete Hagebutten als Leckerli bei der Bodenarbeit judith.schmidhuber@reiterkurier.de Mehr als 1200 Lehrgangsteilnehmern pro Jahr vermittelt Claudia Münch, das Ausdrucksverhalten des Pferdes zu le- sen, seine eigene Körpersprache zu re- flektieren und die Selbstwahrnehmung zu verbessern. Dafür erhalten sie die Grundlage für die harmonische Verstän- digung, für ein hohes Maß an Vertrauen und Sicherheit beim Umgang mit dem Pferd. Das ist in jedem gemeinsamen Moment mit dem Pferd nützlich: beim Berühren, Aufhalftern, Führen, An- binden, Putzen bis hin zum Verla- den. Die Pferde werden gelassener, trittsicherer, konzentrierter. Die Kommunikation und das Vertrau- ensverhältnis zwi- schen Pferd und Mensch verbessert sich deutlich. Mus- kelaufbau spielt eine bedeutende Rolle bei der Ge- sunderhaltung des Pferdes. ?Letztlich geht Bodenarbeit jeden etwas an, der mit Pferden zu tun hat. Es spielt keine Rolle, ob man Reining reitet oder Vielseitigkeit. Es ist egal, ob man ein Mini-Shetty oder ein Shire an der Hand hat.? Zwei DVDs hat die Bodenarbeits- trainerin mittlerweile herausgebracht, in denen sie die Körpersprache darstellt ( siehe Seite 37) ) und die ersten Schritte im Führtraining bis hin zu gymnasti- schen Übungen zeigt. Die Pferde lernen punktgenau mit dem Menschen anzu- treten, anzuhalten, das Gangmaß zu vergrößern, die Gangart zu wechseln oder rückwärts zu treten. Soll das Pferd schneller gehen, erhöht Claudia Münch ihr Tempo, schnalzt mit der Zunge, be- rührt es mit dem Bodenarbeitsseil an der Flanke. Soll es stehen bleiben, gibt sie während des Haltens ein kurzes Stimm- kommando und zupft falls nötig einmal impulsartig am Halfter. Möchte sie das Pferd wenden, dreht sie ihren Körper, ihren Schultergürtel und blickt in die Be- wegungsrichtung. Ein Blick auf die Hin- terhand und das Pferd weicht. Welche Stimmkommandos man wählt, ist egal ? Hauptsache man bleibt dabei. Ziel ist es, die Hilfen immer weiter zu minimieren, Timing ist entscheidend. ?So viel wie nötig und so wenig wie möglich?, wieder- | Februar 2019 12

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